Am 14. Oktober 2026 kamen in Krems 18 Citizen Scientists aus ganz Niederösterreich mit dem Projektteam von Connecting Memories zusammen. Im Mittelpunkt standen das gegenseitige Kennenlernen, konkrete Möglichkeiten zur Mitarbeit und der Austausch über lokale Forschung zur NS-Zwangsarbeit. Dabei entstanden erste Arbeitsgruppen und Ideen für gemeinsame Aktivitäten.
LDokumente, Familienerinnerungen und das Wissen über historische Orte können wichtige Beiträge zur Erforschung der NS-Zwangsarbeit leisten. Connecting Memories möchte dieses Wissen mit lokalen Initiativen („Citizen Scientitst“) und den Recherchen von Nachkommen ehemaliger Zwangsarbeiter:innen („Descendant Scientists“) verbinden. Beim Auftakttreffen wurde deutlich, wie vielfältig die Erfahrungen und Interessen sind, die die Beteiligten mitbringen: Manche forschen bereits seit Jahren zur Geschichte ihrer Gemeinde, andere möchten einer persönlichen Erinnerung oder einem einzelnen Dokument nachgehen.
Zum Einstieg stellte das Projektteam zwei Forschungsschwerpunkte vor: (1) das Kriegsgefangenenlager STALAG XVII B in Krems-Gneixendorf und seine über ganz NÖ verzweigten Arbeitskommandos, (2) die Gruppe der ungarisch-jüdischen Zwangsarbeiter:innen, die 1944 über Strasshof zu vielen kleinen Familiencamps deportiert wurden. Über die Standorte dieser Camps ist bisher wenig bekannt und ist man auf Hinweise aus der lokalen Bevölkerung angewiesen. Beide Fallstudien zeigten, wie wichtig lokale Recherchen sind, um Lagerstandorte zu identifizieren, Lebenswege nachzuzeichnen und bestehende Quellen miteinander zu verbinden.
Anschließend wurden das Handbuch für Citizen Scientists und die digitale Projektplattform vorgestellt. Ob als lokale Forschungsexpert:innen, Recherche-Scouts oder Erinnerungsbotschafter:innen: Bei Interesse können Sie auf unterschiedliche Weise mitwirken. Auch einzelne Fotos, kurze Erinnerungsberichte oder Hinweise auf Quellen sind wertvoll. Die im Aufbau befindliche Plattform soll den Austausch erleichtern, Kontakte vermitteln und künftig Dokumente und Erinnerungen zugänglich machen. Das Diskussionsforum ist unter forum.connectingmemories.at bereits online – Registrieren Sie sich gerne und beteiligen Sie sich!
Von lokalen Erfahrungen zu gemeinsamen Vorhaben
An vier Thementischen wurden Forschungsfragen vertieft und nächste Schritte besprochen. Ein Tisch widmete sich der lokalen Erinnerungsarbeit. Die Teilnehmenden tauschten Erfahrungen und Angebote aus Langenlois, Strasshof, St. Veit an der Gölsen, Fels am Wagram und Ulrichskirchen aus. Dabei kamen auch Widerstände zur Sprache, denen lokale Initiativen in Teilen der Bevölkerung begegnen. Als eine Möglichkeit, die Auseinandersetzung mit der NS-Zwangsarbeit vor Ort zu fördern, wurde die Zusammenarbeit mit jüngeren Generationen diskutiert.
Auf großes Interesse stieß ein geplantes Schulprojekt in Langenlois: Schüler der 8. Schulstufe sollen sich in Kleingruppen mit historischen Dokumenten zur Zwangsarbeit beschäftigen und einzelne Biografien erarbeiten. Eine anschließende Ortsbegehung und persönliche Kontakte mit Nachkommen ehemaliger Zwangsarbeiter sowie damaliger Arbeitgeber sollen die Beschäftigung mit diesen Lebensgeschichten vertiefen. Durch den lokalen Bezug kann das Projekt außerdem Gespräche über NS-Zwangsarbeit in den Familien der Schüler anregen. Die Erfahrungen sollen nach Abschluss mit Initiativen an anderen Orten geteilt werden.
Am zweiten Thementisch wurde ein konkretes Forschungsprojekt zum Industriekomplex Moosbierbaum im Tullnerfeld diskutiert. An diesem weitläufigen, bislang wenig erforschten Industriestandort mussten tausende Menschen Zwangsarbeit leisten. Ausgangspunkt ist ein erstes Dossier, das bestehende Literatur und mögliche Archivbestände zusammenfasst. Gemeinsam mit der Archäologin Claudia Theune (Universität Wien) sollen Archivmaterial, Video-Interviews mit Überlebenden, Karten und Pläne ausgewertet werden. Ziel ist es, das Ausmaß der Zwangsarbeit, die verschiedenen Opfergruppen und die Standorte der Lager zu erforschen. Ein erstes Projektteam hat sich bereits gefunden; angesichts des Umfangs des Vorhabens werden weitere Interessierte gesucht – wenn Sie Interesse haben, sich zu beteiligen, nehmen Sie mit uns Kontakt auf! Zu den ersten Aufgaben gehören die Sichtung von Archivunterlagen in Zwentendorf sowie Recherchen anhand digitaler Karten und Geoinformationen im NÖGIS.
Ein weiterer Schwerpunkt war die Frage, wie Menschen in der Region Fels–Grafenegg–Grafenwörth für die Erforschung der lokalen NS-Zwangsarbeit und die Mitarbeit im Projekt gewonnen werden können. Mit Friedrich Ploiner, Karin Reichelmayer, Hertha Holzinger und Brigitte Urabl hat sich ein Team erfahrener Regionalforscher gebildet, das dafür bereits gemeinsame Initiativen für das Frühjahr 2027 vorbereitet.
Verantwortungsvoll forschen und Zusammenarbeit stärken
Am Thementisch Archivarbeit standen Datenschutz und Forschungsethik im Mittelpunkt: Welche Informationen dürfen veröffentlicht werden? Wie geht man mit sensiblen Angaben und den Namen von Familien um, deren Angehörige weiterhin vor Ort leben? Als nächster Schritt ist ein verständliches Fact Sheet geplant, das rechtliche Vorgaben und ethische Abwägungen anhand konkreter Beispiele erläutert. Dieses wird Ihnen im Diskussionsforum zum Download zur Verfügung stehen.
Ebenso offen wurde über Erfahrungen in der Zusammenarbeit zwischen Heimatforscher und wissenschaftlichen Einrichtungen gesprochen. Dabei wurde deutlich, wie wichtig gegenseitige Anerkennung und Vertrauen sind. Lokale Kenntnisse, langjährige Recherchen und wissenschaftliche Methoden ergänzen einander. Die Beiträge aller Beteiligten sollen deshalb auch bei der Veröffentlichung gemeinsamer Ergebnisse sichtbar werden.
An einem offenen Tisch tauschten erfahrene und neu hinzugekommene Citizen Scientists bereits Quellenhinweise und Kontaktdaten aus. Besprochen wurden unter anderem internationale Archivbestände, digitale Recherchemöglichkeiten, sprachliche Verständigung und die Verknüpfung bestehender Online-Sammlungen.
Das Treffen hat konkrete Ansatzpunkte für die weitere Zusammenarbeit eröffnet. Nun gilt es, die entstandenen Kontakte zu vertiefen, weitere Personen mit Interesse an historischer Forschung zu NS Zwansgarbeit zu gewinnen, erste Recherchen gemeinsam weiterzuführen und die Beteiligten dabei mit Materialien und Austauschmöglichkeiten zu unterstützen. So wächst ein Netzwerk, das lokale Geschichte erforscht und Verbindungen zu den Erinnerungen ehemaliger Zwangsarbeiter und ihrer Nachkommen schafft. Wenn Sie sich beteiligen wollen, nehmen Sie mit uns Kontakt auf: connectingmemories@donau-uni.ac.at
Im folgenden finden Sie einige Fotos von der Veranstaltung, (c) Karin Böhm.






























